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Textauszüge |
Gertrud von le Fort: Am Tor des Himmels. Novelle
Einführung in den Inhalt
Antje Kleinewefers |
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Die Novelle ”Am Tor des Himmels“, geschrieben 1954, behandelt den römischen Inquisitionsprozeß gegen Galilei im 17. Jahrhundert und konfrontiert dieses historische Ereignis mit den Folgen der damals ausgelösten naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung im 20. Jahrhundert.
Die Rahmenerzählung spielt während des zweiten Weltkrieges in Süddeutschland. Die Ich-Erzählerin hat wegen der zunehmenden Bombenangriffe auf die Städte ihre Cousine Marianne und deren Kinder in ihrer Wohnung auf dem Lande aufgenommen. Das Archiv der traditionsreichen Familie befindet sich noch im Stadthaus der Cousine. Die Ich-Erzählerin reist mit dem Zug in die Stadt, um wenigstens die wichtigsten Dokumente in Sicherheit zu bringen. Bei der Auswahl dessen, was sie in ihrem Handköfferchen mitnehmen kann, hilft ihr ein junger Verwandter. Dabei spielt das sogenannte „Galileische Dokument“ eine besondere Rolle. Es handelt sich um einen Text aus dem 17. Jahrhundert, worin – aus Furcht vor der Inquisition – keine Namen genannt werden. Offensichtlich geht es dabei aber um den Galilei-Prozeß, der von einem (zweiten) Ich-Erzähler, dem Schüler des sogenannten Meisters (d.h. Galileis), berichtet wird.
Die Ich-Erzählerin und ihr Verwandter lesen gemeinsam dieses Galileische Dokument, bevor sie wegen eines nächtlichen Bombenangriffs den Luftschutzkeller aufsuchen müssen. In dieser Nacht wird das alte Haus ebenso wie die ganze Stadt furchtbar zerstört; die Flammen vernichten auch sämtliche Dokumente, die die Ich-Erzählerin eigentlich retten wollte.
Das sogenannte Galileische Dokument, das die Binnenerzählung der Novelle ausmacht, ist also eine spätere Rekonstruktion aus der Erinnerung der Ich-Erzählerin und des jungen Verwandten. |
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Kopie der drei folgenden Textpassagen aus der Novelle „Am Tor des Himmels“
(Wiesbaden: Insel Verlag 1954): |
- » Anfang der Binnenerzählung
Der Ich-Erzähler und Diana bei der Beobachtung der Jupitermonde
- » eine Passage aus deren Verlauf
Nächtliches Gespräch des Ich-Erzählers mit dem Kardinal
- » der zweite Teil der Rahmenerzählung
Der Schluß der Novelle
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Gertrud von le Fort, Am Tor des Himmels (1954)
Textauszüge nach der Ausgabe:
Gertrud von le Fort, Die Tochter Jephtas und andere Erzählungen
Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1976 (suhrkamp taschenbuch 351), S. 160-165 |
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Passage 1: Anfang der Binnenerzählung (der Ich-Erzähler und Diana bei der Beobachtung der Jupitermonde) |
Wir erwarteten in der Nacht, von der ich spreche, den Aufgang des Planeten Jupiter und seiner vier Monde, jener berühmten >Mediceischen Sterne<, die nach den letzten großen Entdeckungen um ihn kreisten und um derentwegen mich mein deutscher Meister nach Italien gesandt hatte, damit wir uns über ihre Bedeutung für die Stellung der Erde im Weltenraum klar würden. Ich hatte jene Sterne bisher – denn ich war noch nicht lange in Italien – zwar schon mehrmals erblickt, aber immer nur verschleiert, denn während der ganzen letzten Zeit, da der Meister noch um die Vermeidung seiner Romreise kämpfte, hatte sich der Himmel andauernd verhüllt. Nun nachdem die Entscheidung gefallen war, erschien er plötzlich überirdisch klar, so daß wir die herrlichste Sicht des Planeten erwarten durften. Er kam denn auch im Triumph herauf, strahlend, wie es einem königlichen Gestirn des Himmels zukommt, begleitet von seinen Trabanten, eben jenen >Mediceischen Sternen<, die ich nun zum ersten Mal in voller Deutlichkeit wahrnahm. Es schien, als wolle der Himmel selbst ein Zeugnis für den Meister ablegen: ich hatte mich noch nie von dessen Wahrheit so hingerissen gefühlt wie in dieser Nacht – oder steigerte die Nähe des angebeteten Mädchen die Empfänglichkeit meines Geistes und meiner Sinne zu rauschhafter Begeisterung? Auch sie, die Angebetete, war, das fühlte ich, von derselben Begeisterung überwältigt: obwohl sie regungslos an dem Teleskop verharrte, glaubte ich ihr Herz wie das meine laut schlagen zu hören. Ich wußte sie, ohne sie anzublicken, in der gleichen ungeheuren Ergriffenheit wie mich selbst: wir fühlten, dachten und erfuhren in diesem Augenblick ein und dasselbe. Zwar wußten wir beide längst, was diese Sterne bedeuteten, aber wir wußten es jetzt mit einer nie zuvor gekannten Erschütterung unseres ganzen Seins und Wesens. Es war der Augenblick, da sich für uns beide das alte Weltbild endgültig auflöste, in lautlosem Sturz zerfiel – was sage ich zerfiel? Es hatte ja in Wirklichkeit niemals bestanden. Die Erde, dieser Schauplatz eines göttlichen Erlösungsdramas, sie befand sich nicht im Mittelpunkt der Welt, sie war ein kleiner einfacher Planet, der mit seinem einem Mond demütig um die Sonne kreiste, wie der Jupiter mit seinen >Mediceischen Sternen<. Eine jahrtausendealte Täuschung flog auf wie ein vom Feuer ergriffener leichter Vorhang, und wir stürzten mit beiden Augen, nein mit allem, was wir bisher gedacht und geglaubt hatten, in die nackte Unendlichkeit des Weltenraums. Plötzlich schrie Diana auf – war es ein Schrei des Entzückens oder des Entsetzens? Dieser Schrei ließ sich in keine Bestimmung pressen, er war ganz einfach der Laut des Unaussprechlichen, das wir erfuhren. Gleich darauf ergriff sie meine beiden Hände – es war das erste Mal, daß wir einander berührten.
„So ist es also wahr, mein Freund“, rief sie außer sich, „so ist es also wahr! Unser Glaube hat keine Stätte mehr im All, es gibt nur noch die ewigen Gesetze und uns selbst!“ Im nächsten Augenblick lag sie in meinen Armen, die Brust an meine Brust gedrängt, vor der Unendlichkeit des Raumes zu mir geflüchtet und an mich geklammert. Und nun war es mir plötzlich, als habe sich die Unendlichkeit des Raumes in die Unendlichkeit meiner anbetenden Liebe verwandelt, hätte ihren erschreckenden Namen mit einem beseligenden vertauscht, und ich müßte mich jubelnd und schluchzend zu meinem Untergang in dem geliebten Wesen bekennen.
Aber schon hatte sich Diana wieder aufgerichtet. Sie strich sich mit beiden Händen über das verwirrte Haar und sah mich mit einem Blick an, in dem etwas von der Unerbittlichkeit der ehernen Himmelsgesetze lag. „Oh, mein Freund, mein lieber Freund“, sagte sie feierlich, „jetzt ist es entschieden: der Meister wird verurteilt werden, er ist verloren.“ Dabei faßte sie mich an den Schultern wie einen, der aus Traumbefangenheit erwachen soll. Langsam drangen ihre Worte in mich ein, aber sie waren mir ganz unverständlich. Denn hatten wir nicht eben gemeinsam die Wahrheit des neuen Welt- und Himmelsbildes mit höchster Klarheit erkannt – wie konnte denn der Meister verurteilt werden, wenn dieses Bild doch Wahrheit bedeutete? Ich glaubte im Gegenteil zu wissen, daß er nie mehr unterliegen könne, sondern daß seine Richter bereits unterlegen waren. Ich sagte ihr das auch.
Sie streichelte mir zärtlich Haare und Stirn, so wie man ein Kind streichelt, aber ihre Augen verloren nichts von ihrer Unerbittlichkeit. „Eben weil es Wahrheit ist, wird er verurteilt werden“, sagte sie sehr leise. „Er muß verurteilt werden – haben wir denn nicht eben selbst erfahren, daß in der Unermeßlichkeit da droben kein Platz mehr für den Gott unseres Glaubens ist? Oder kannst du dir vorstellen, daß für die Geschöpfe unseres winzigen Sterns Gottes Sohn vom Himmel stieg? Aber die Kirche kann dies nicht zugeben, sie darf es nicht zugeben, denn“ – noch leiser, fast flüsternd – „es ist ja zu furchtbar!“ Sie schüttelte sich vor Entsetzen. „Wir haben keinen Gott mehr, der sich um uns kümmert, wir haben nur noch uns selbst!“ Und dann, fast beschwörend: „Nur noch uns selbst, nur noch uns selbst! Hinfort muß der Mensch dem Menschen alles sein! Aber was ist denn der Mensch, und was wird künftig aus ihm werden?“
Doch nun packte auch mich das Entsetzen, es begann mir vor den Worten der Geliebten zu grauen. Ich war aus einem strenggläubigen Elternhaus und allezeit fromm gewesen (nun ich es nicht mehr bin, darf ich es ja ohne Rühmen sagen), es wäre mir niemals in den Sinn gekommen, das neue Weltbild, das am Horizont meiner Wissenschaft aufgestiegen war, könne dem Glauben schaden – auch mein deutscher Meister war ja allezeit ein frommer Christ geblieben.
„Diana“, rief ich außer mir, „wie vermagst du nur so furchtbare Worte zu sprechen! Du reichst ja der Kirche selbst die Gründe zur Verurteilung des Meisters dar, Gründe, die ihr doch der Meister selbst niemals reichte. Dein Oheim hat der Kirche stets gezeigt, daß man die neue Wissenschaft bekennen und gleichwohl ein Christ sein kann.“
„Der Meister täuscht sich“, beharrte sie, „allein die Kirche wird sich nicht täuschen lassen – sie muß den Meister verurteilen – es gibt keine Rettung für ihn, außer er widerruft.“
Ich entsetzte mich abermals. „Das wird der Meister niemals tun“, rief ich, dieser Verrat würde ihn ja die ewige Seligkeit kosten!“
Sie lächelte geheimnisvoll. Ihre Augen, von der Größe der Erkenntnis weit geöffnet, waren nachtblau wie die Flut der Himmelsfernen. „Es gibt keine ewige Seligkeit mehr, mein kleiner Freund“, hauchte sie, „aber es gibt auch kein höllisches Feuer mehr – es gibt nur noch das Feuer, mit dem sie Giordano Bruno verbrannt haben.“
Mein Entsetzen kannte jetzt keine Grenzen mehr, denn hatten nicht die Frauen manchmal Wahrgesichte? Sagte man nicht, daß sie der Zukunft kundig seien? O Gott, hätte ich sie nicht so namenlos geliebt und angebetet, ich wäre jetzt vor ihr geflohen, so sehr fürchtete ich mich vor ihrem Unglauben. Aber ich konnte ihr natürlich nicht entfliehen, selbst das äußerste Grauen vermochte nicht die Bezauberung ihrer Nähe auszulöschen, jedes Aufwallen des Entsetzens sank sogleich in Entzücken unter, so als ob Wasserströme im Feuer vergingen.
Sie sah mich inzwischen aufmerksam und merkwürdig verständig an. „Liebst du mich wirklich, mein kleiner Freund?“ fragte sie.
Daß sie die Antwort nicht wußte! „Darf ich dich denn lieben?“ rief ich bebend.
Sie erwiderte: „Ja, du darfst es, ich habe deine Liebe sehr nötig – liebe mich, bitte, liebe mich!“ Sie warf sich wieder in meine Arme. Und nun wußte ich nichts mehr von dem Entsetzen, das sie mir doch eben eingeflößt hatte, und ich verschloß mir selbst den Mund, der widersprechen wollte, indem ich sie wieder und wieder küßte. So verharrten wir lange Zeit schweigend: der enge Bodenraum, >das Tor des Himmels<, nun war es mir wirklich zum Tor des Himmels geworden.
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Passage 2: Nächtliches Gespräch des Ich-Erzählers mit dem Kardinal |
Als ich in den Palast zurückkehrte, war es auf den Gängen und Treppen schon bedrückend still und ausgestorben, offenbar hatten sich alle Bewohner bereits zurückgezogen. Es blieb mir nichts anders übrig, als das Gleiche zu tun, aber zuvor mußte ich noch der allabendlichen Pflicht nachkommen, das Observatorium zu schließen und dessen Instrumente zu verwahren. Ich betrat den Raum durch ein anstoßendes Gemach, dessen schwerer Teppichbelag meinen Schritt dämpfte. In beiden Räumen hatte man die Kerzen schon gelöscht, es war dunkel darinnen, nur der blaue römische Mond schien durchs Fenster herein und überspülte mit seinem Gleißen die Kanten der großen wuchtigen Möbel – sie ragten wie die Grate von Gebirgen aus dem Dunkel. Der ganze Raum erschien merkwürdig fremd und geisterhaft. Ich war schnell eintretend auf den Altan zugegangen, um das Teleskop hereinzuholen. Als ich die Mitte des Raumes erreicht hatte, bemerkte ich den Kardinal. Er saß, die Hände vor dem Gesicht, gebeugten Hauptes da, Gestalt und Purpurrobe vom Dunkel umhüllt, als habe er einen Trauermantel übergeworfen. Nur mit den schönen kräftigen Händen, die so oft Segen gespendet, spielte der Mond – es war, als schwebten auch sie, wie alle Dinge des Raumes, über geisterhaftem Abgrund.
Ich war tieferschrocken stehengeblieben, dann wollte ich mich augenblicklich zurückziehen, allein schon war ich bemerkt worden. Der Zusammengekauerte ließ die Hände vom Gesicht fallen, das nun plötzlich wie jene eine erschütternde Hilflosigkeit enthüllte. So sieht ein Mensch aus, der sich nach äußerster Anstrengung einer durch nichts mehr gehemmten Schwäche überläßt, und so – so darf ein Mensch sich von einem anderen nicht erblicken lassen, es sei denn, er habe eingewilligt, unaussprechliches Mitleid hinzunehmen.
„Verzeihung, Eminenz, ich wollte Sie nicht überraschen“, stammelte ich. Unwillkürlich beugte ich das Knie – es war eine Beteuerung meiner Ehrfurcht, die ich dem Gebeugten gerade in der Stunde der Schwäche glaubte darbringen zu müssen. Mehr und mehr verfremdete sich der Raum dem Anblick des Tages. Der Kardinal verharrte in seiner zusammengesunkenen Stellung. Endlich machte er eine Bewegung: „Sie haben mich nicht überrascht“, sagte er müden Tones, „ich habe Sie erwartet – es verlangte mich nach einem Menschen. Stehen Sie auf und sprechen Sie aus, was Sie bewegt.“ Selbst im Augenblick der größten Schwäche erschien sein Befehl von zwingender Gewalt. Dennoch vermochte ich ihn nur teilweise zu erfüllen. „Ich bitte Eure Eminenz, auf den Knien verharren zu dürfen“, sagte ich, „es ist die mir zukommende Haltung, denn es bewegt mich die Hoffnung auf Ihre Gnade.“
„Und was verstehen Sie darunter, mein Freund?“ fragte er.
„O Eminenz“, rief ich, „Sie wissen es so gut wie ich. Ihr Herz verlangt in diesem Augenblick von Ihnen Gnade, genau so wie das meine!“
„Mein Herz“, erwiderte er, „hat hier nur zu schwiegen, und wenn Sie wollen, zu leiden – Sie sind ein Gläubiger, der Kirche treuer Mensch und müssen dies wissen.“
Ich wußte es wohl, aber hatte er nicht gesagt: >Ich habe Sie erwartet, es verlangt mich nach einem Menschen?< Bei Gott, er sollte ihn finden! Jetzt wagte ich alles. „Eminenz, ich liebe Ihre Nichte“, sagte ich, „ich bete sie an – sie ist das Kostbarste, was ich auf Erden weiß.“
Nun richtete er sich zum ersten Mal auf, so daß sein Gesicht noch heller vom Mondlicht erfaßt wurde. „Dann also habe ich auch Sie zu retten, mein armer junger Freund“, sagte er. „Ich verstehe Ihren Schmerz, und ich schäme mich nicht, Ihnen zu sagen, daß ich ihn teile. Aber es gibt Größeres als den Schmerz der Liebe – es gibt das Opfer des uns Liebsten.“ Seine Stimme war bei diesen Worten unendlich weich, und doch war es mir, als stießen wir dabei in einen Raum vor, dessen Kälte dem des Universums entsprach.
„Nein, Eminenz“, rief ich, „es gibt nichts Größeres als die Liebe! Wenn Ihre Nichte ihren Glauben verleugnete, so tat sie es, um des Meisters Geschick zu teilen – sprechen Sie ihn frei, und sie wird zum Glauben zurückfinden, denn der Meister selbst, Eminenz, ist nie vom Glauben abgefallen – vertrauen Sie meiner Aussage, ich bitte Sie, vertrauen Sie mir!“
Er widersprach nicht. „Warum sollte ich Ihnen nicht vertrauen“, sagte er gelassen, „Sie sind durchaus vertrauenswürdig. Ich zögere nicht zu sagen, daß Sie ein kostbarer Fund für den Priester sind. Es ist für mich beglückend, Sie zu kennen, aber es wäre ein großer Fehler, den Menschen in seiner Gesamtheit nach Ihnen beurteilen zu wollen. Gewiß, weder das neue Weltbild noch die neue Befragung der Natur kann dem wahrhaft Gläubigen schaden – allein wer ist denn wahrhaft gläubig?“ „Sie, Eminenz“, erwiderte ich kühn.
Nun machte er eine Bewegung, die fast einer strengen Zurückweisung glich. Dann sagte er: „Ich bin dazu bestellt, die Gläubigen zu behüten, ich habe die Pflicht übernommen, alles zu unterdrücken, was Ihnen schaden könnte.“
„Kann man den Glauben durch die Unterdrückung von Gefahren schützen?“ fragte ich zurück.
„Sie halten mich für kleingläubig“, erwiderte er ruhig. „Sie tun es, weil ich nicht das Vertrauen aufbringe, daß die Christenheit das neue Weltbild und die neue Wissenschaft zu tragen vermag.“
Ich wagte keine Antwort, allein auch Schweigen ist ja eine solche. Der Kardinal verstand sie augenblicklich.
„Gewiß“, sagte er, „ich bin kleingläubig – wir Priester sind in Ihrem Sinne stets kleingläubig gewesen, denn wir haben immer die Häretiker verfolgt und ausgerottet. Wir haben dies getan, obwohl unser Herr und Meister uns geboten hatte, das Unkraut und den Weizen miteinander wachsen zu lassen bis zum Tage der Ernte. Wir haben dies Gebot niemals befolgt, wir konnten es nicht befolgen, denn das Unkraut hätte den Weizen längst erstickt. Wir werden es auch heute nicht befolgen können.“
Bei den letzten Worten war ich wieder auf die Knie gefallen. Er machte abermals die Bewegung strenger Zurückweisung. „Stehen Sie doch auf“, sagte er ungeduldig, „Ihr Meister bedarf Ihrer Fürbitte nicht: ich habe ihn innerlich längst freigesprochen. Allein es gibt Menschen, die selbst unantastbar, dennoch Gefäße gefährlicher Verführung bedeuten. Seien Sie gewiß, diesen Mediceischen Sternen werden andere folgen – schreckliche Gestirne werden am Himmel der Menschheit aufgehn –.“ Bei den letzten Worten hatten sich seine Augen weit geöffnet, sie erschienen im Mondlicht fast weiß, als erleuchte sie ein gespenstisches Licht – ich hatte den Eindruck, daß ihn eine visionäre Sicht überkam. Und schon fuhr er leise, aber bestimmt fort: „Ich habe vorhin den Menschen der Zukunft gesehen – so wie dieses unglückliche Mädchen seinen eigenen Untergang heraufbeschworen hat, so wird die Menschheit einst den Untergang der Welt heraufbeschwören, denn die Erkenntnis wird stets mit dem Tode bezahlt. So war es schon im Paradiese bei den ersten Menschen, und so wird es immer sein.“
„Und dennoch sind Sie selbst ein Mensch der Zukunft, teuerste Eminenz“, sagte ich, „denn auch Sie haben das neue Weltbild angenommen.“ Er widersprach nicht – es war die Stunde, wo der Mensch dem Menschen restlos offen stand. Jede Schranke des Standes und des Alters zwischen uns war gefallen.
„Gewiß“, sagte er, „ich habe das neue Weltbild angenommen, aber meinen Sie etwa, daß es für mich keine Gefahr bedeutet? Was wißt ihr Laien denn von uns Priestern? Welche Vorstellung macht ihr euch von uns? Habt ihr irgendeine Einsicht in die abgründigen Versuchungen, denen die Träger der geistlichen Gewalt ausgeliefert sind? Habt ihr auch nur eine blasse Ahnung von den Kämpfen, die wie in vollkommener, tödlicher Einsamkeit zu bestehen haben, ohne den Zuspruch autoritativer Versicherungen und Tröstungen, den ihr von uns zu empfangen gewohnt seid? Glaubt ihr etwa, daß wir ohne die Qualen des Zweifels auskommen? Wahrhaftig, es bedurfte nicht der neuen Wissenschaft, um uns dieses zu lehren! Ich versichere Ihnen, nicht nur die Opfer der Inquisition sind Märtyrer, auch wir sind es, die jene verurteilten! Denn es ist schwer, dem Jenseitigen auf Erden einen Platz zu bereiten, das Übernatürliche und Unsichtbare zu Gewißheit zu machen! Die Offenbarung liegt weit über ein Jahrtausend zurück, und was bedeuten die spärlichen Wunder und geistlichen Zuwendungen, die uns seither geschenkt wurden? Wer sagt uns, daß nicht sogar diese noch auf frommen Täuschungen beruhten? Oder sind wir selbst etwa – ich meine die Gestalten der sichtbaren Kirche – ein unwiderlegliches Zeugnis? Kennen Sie die Kirchengeschichte? Wissen Sie um die Gründe der Glaubensspaltung? Was denken Sie bei dem Prunk und Glanz des heutigen Rom? Haben Sie wirklich den Eindruck, daß hier Christi Reich besteht? Sind wir nicht in alle Händel dieser Welt verstrickt? Gibt es irgendeine Hintergründigkeit der Politik, bei der wir nicht die Hände im Spiel haben? Vielleicht sogar haben müssen? Gewiß, da sind heiligmäßige Klöster, wo Armut und Entsagung blühen, da ist ein Oratorium der göttlichen Liebe, da sind mitten in der Welt verborgene Seelen reinster Frömmigkeit – aber gleichen sie nicht alle den Schiffbrüchigen auf einsamer Planke mitten im Wüstenmeer dieser Welt – gleichen sie nicht dem Petrus, der auf den Fluten wandeln wollte und versank?“
Ich hatte, während er dies alles mit leiser monotoner Stimme sprach, die Empfindung, als ob er sich mit jedem Wort weiter von mir entferne, so als wandle auch er auf abgründigen Fluten dahin, Gestalt und Geist bis zur Unkenntlichkeit verfärbt von dem geisterhaften Licht des Mondes, und ich setzte ihm nach über die Abgründe der Nacht – und doch, war nicht auch sie, die Nacht und ihr fremdes Licht lautere Wirklichkeit? Nun endlich schwieg der Kardinal. Er hatte die Höhe der Mitternacht erreicht und blieb gleichsam auf ihrem Gipfel stehen.
„Aber Petrus versank nicht als er auf dem Meere wandelte“, sagte ich, „sondern er ergriff die Hand Christi.
Er sah mich fast zornig an, dann, wiederum mit leiser monotoner Stimme: „Und wie denken Sie sich, daß wir Christi Hand ergreifen sollen? Wo ist diese Hand in diesem unseren Augenblick?“ Sein Auge hielt mich unverwandt fest – wieder kam mir sein Verbot der Folter in den Sinn, ich spürte seine innere Kraft, Geständnisse zu erwirken. Gleichzeitig war es mir, als ob sich unter seinem Blick Gewißheiten in mir öffneten, zu denen ich bisher nicht einmal die Tore gekannt hatte.
„Halten Sie es nicht für möglich, Eminenz“, sagte ich, „daß man die Geschicke des Glaubens ganz einfach Gott anheim geben sollte? – selbst wenn die Gefahren der Welt ihn zu verschlingen drohen?“
„Und wie“, entgegnete er, „denken Sie sich dieses Anheimgeben des Glaubens an Gott – ich meine in dem Fall, der uns vorliegt?“
„Wenn Sie der Inquisition in den Arm fallen und den Meister retten, wenn Sie Ihre Nichte begnadigen, so wird dies ein vollkommener Sieg des Glaubens sein – und zugleich ein Sieg der neuen Wahrheit, die Sie selbst bekennen.“
Es folgte eine lange schwere Stille. Sein Gesicht, das vorhin fast unkenntlich von den Bedrängnissen der Nacht gewesen war, nahm langsam an Deutlichkeit zu. Jetzt schien der Schmerz darinnen völlig ausgelöscht – kahl, fremd und unendlich einsam glich es fast der Mondlandschaft droben am Himmel – ich hatte das Gefühl, ihn nicht mehr erreichen zu können. „Eminenz“, sagte ich beschwörend, „geruhen Sie mir nur noch auf eine einzige Frage zu antworten: können Sie sich denken, nein, können Sie den Gedanken ertragen, daß der Glaube durch eine offenbare Unwahrheit gerettet wird?“
Wieder folgte eine lange Stille. Würde ich keine Antwort erhalten? Unwillkürlich schloß ich vor dieser Möglichkeit die Augen. Als sich sie wieder aufschlug, hatte der Kardinal das Gemach verlassen. –
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Passage 3: Schluß der Novelle |
Das Dokument war zu Ende. Schon während der junge Doktor die letzten Seiten las, heulten draußen plötzlich die Sirenen. Entsetzt sprang ich auf, aber er drückte mich mit energischem Griff auf meinen Stuhl zurück: „Das ist nur Voralarm, geht uns zunächst gar nichts an.“ Er las unbekümmert bis zum Schluß. Nun wurde die Tür aufgerissen, der Hausmeister steckte den Kopf herein: „Der Warndienst meldet großen Einflug, heute könnte es für uns gefährlich werden.“ Mein junger Gefährte erhob sich: „Ach was, gefährlich! Meistens fliegen sie nur über uns hinweg.“ Er reckte sich behaglich. Dann öffnete er mit aufreizendem Gleichmut die Balkontür: „Dieses Schauspiel dürfen wir uns nicht entgehen lassen.“ Seine Kaltblütigkeit empörte mich, hatte aber gleichzeitig eine suggestive Wirkung – ich folgte ihm halb und halb beruhigt.
Die Sirenen waren jetzt verstummt, die Stadt lag unter uns in geradezu feierlicher Stille, tief in ihre schützende Vermummung eingehüllt. Über ihr wölbte sich die majestätische Kuppel des nächtlichen Himmels, Stern an Stern erglänzte in unaussprechlicher Klarheit, zauberisch wie ein hingewehter Schleier schimmerte die Milchstraße. Ich machte den heroischen Versuch, mich abzulenken: „Wie in unserem Dokument >Am Tor des Himmels<“, sagte ich.
Er sah mich spöttisch an. „Ja“, meinte er, „so sieht es etliche Jahrhunderte später >am Tor des Himmels< aus – Sie werden gleich den Unterschied gewahren.“
Über das Firmament jagten jetzt große weiße Lichtstreifen hin, als tasteten unsichtbare Hände mit ihnen den Himmel ab. „Das sind Scheinwerfer, sie suchen nach den feindlichen Flugzeugen“, sagte der junge Doktor. „Da, jetzt haben sie ihr Ziel gefunden!“ Die beiden Lichtstreifen vereinigten sich plötzlich, überschnitten einander und blieben, ein riesiges Kreuz bildend, unbeweglich am Himmel stehen. Und schon heulten drunten wieder die Sirenen auf, gräßlich wie das Tier aus dem Abgrund. Gleichzeitig erschienen am Firmament einige strahlende Lichtpyramiden, die langsam auf die Stadt niederschwebten. Jetzt kam Leben in die Gelassenheit meines Begleiters. „Da sind die Christbäume des Feindes“, rief er. „Jetzt aber schnell in den Keller, Christbäume bringen den Tod!“ Er ergriff mich bei der Hand und riß mich förmlich ins Haus zurück. „Christbäume bringen den Tod“, wiederholte ich taumelnd, „Christbäume? Welche Blasphemie!“
Wir hasteten in den Keller hinab, wo sich bereits eine Anzahl Menschen versammelt hatte, die Familie des Hausmeisters, einige Personen aus der Nachbarschaft.
Ich übergehe die Stunden, die nun folgten, weiß ich doch nicht einmal, ob es Stunden waren – Todesängste werden nicht mit dem Zeiger der Uhr gemessen, wir waren außerhalb der Zeit. Wir waren außerhalb der menschlichen Bereiche, in der Hand satanischer Gewalten. O dieser schaurig zischende Ton der niedersausenden Bomben, diese grauenvoll dröhnenden Einschläge! Und doch, welches Aufatmen jedesmal, wenn es uns nicht getroffen hatte! Aber dann plötzlich ein irrsinniger Aufschrei aller, ein unvorstellbares Krachen und Prasseln – herabstürzendes Geröll, atemwürgende Staubwolken, grabestiefe Dunkelheit – nur an einer einzigen Stelle glimmte flackerndes Licht durch einen Spalt im Gemäuer. „Dort hinaus!“ herrschte die Stimme des jungen Doktors. Ich kroch mit den andern hindurch – und – taumelte zurück in die Tiefe des Kellers, denn draußen loderte die Hölle! Dann kam mir jemand nach, ich wurde gepackt, gezerrt, geschleift, hinausgestoßen auf die im Flammentanz wogende Straße. Das also war der grause Karneval, zu dem sich die Stadt vermummt hatte! Wieder wollte ich zurück in den Keller, wieder spürte ich den harten, unerbittlichen Griff meines eiskalten Begleiters. „Vorwärts!“ Verzweifelt, aber willenlos gehorsam wie ein kleines Kind lief ich durch die brausende Flammenallee der Haus bei Haus brennenden Straße. –
Und nun wird man mich nach den Dokumenten fragen, zu deren Rettung ich doch in die Stadt gekommen war. Natürlich hatten wir sie mit in den Keller genommen, ich erinnere mich deutlich, wie der junge Doktor das Köfferchen mit dem Familienarchiv neben mich auf den Boden setzte, während ich das Dokument, aus dem er vorgelesen hatte, krampfhaft in den Armen hielt. Ich hielt es auch noch fest an mich gepreßt, als ich durch die Mauerspalte kroch, aber dann, als ich die brennende Straße erblickte – ja dann habe ich es einfach fortgeworfen, so wie die anderen Menschen damals ihr Geld fortwarfen. Der Feuersturm wirbelte die Blätter empor – ich sah sie aufflammen – was kümmerte es mich? – – –
Auch später, als wir längst gerettet waren, empfand ich keinerlei Bedauern oder auch nur Erstaunen darüber – es war eben so gekommen, wie ich bei meiner Ankunft in der vermummten Stadt vorausgeahnt hatte. Jetzt war die Demaskierung dieses schauerlichen Karnevals da, sie hatte nicht nur jenes Dokument als wertlos entlarvt, sondern alles, was meinem Leben bisher Sinn und Halt gewesen. Ich fühlte mich seltsam arm und bloß, zunichte geworden in dem, was ich als das immer Gültige geglaubt: Menschlichkeit und Christlichkeit, Vornehmheit und Kultur, Stand und Tradition, sie alle waren plötzlich wie nie gewesen, oder wenn sie je gewesen waren, endgültig ihrer Bedeutung entkleidet, vorüber, und mit Ihnen Sinn und Aufgabe meines bisher so zuversichtlich gelebten Daseins. Meine eigene Zeit war untergegangen. Wohin gehörte ich nun?
Meine Cousine Marianne, die mit ihren Kindern zunächst bei mir blieb, hatte kein Verständnis für mich – sie war ja eben nicht durch jene Bombennacht gegangen. Während ich in meiner unversehrten ländlichen Häuslichkeit unwiederbringlich Verlorenem nachtrauerte, träumte sie, die doch ihr Haus tatsächlich verloren hatte, bereits vom Wiederaufbau des Zerstörten und von tausend beglückenden Neuanschaffungen – kurz, sie fand sich überzeugt, es werde bald alles wieder genau so sein, wie es vordem gewesen war. Eine gewisse Schwierigkeit bedeutete ihr bei dieser Haltung nur der Untergang der Familiendokumente. Natürlich war sie viel zu zartfühlend und gütig, um mir Vorwürfe zu machen, aber sie kam einfach nicht darüber hinweg, daß sie damals nicht selbst in die Stadt gefahren war, um die Urkunden zu holen. Einigen Trost gewährte es ihr zwar, daß man vielleicht den Stammbaum und die wichtigsten Daten der Familiengeschichte nach alten Kirchenbüchern und allgemein historischen Aufzeichnungen wieder zusammenstellen könne, aber für das von ihr so sehr geschätzte, sogenannte >Galileische Dokument< ergaben sich nirgends Anhaltspunkte, außer in der persönlichen Erinnerung derer, die es aufmerksam gelesen hatten. Sie faßte daher den Entschluß, dieses Dokument zu rekonstruieren, und weil ich selbst in meiner damaligen Verfassung nicht allzu eifrig bei der Sache war, lud sie ihren jungen Vetter ein, der mir in jener Bombennacht das Dokument vorgelesen hatte. Er war nach dem inzwischen erfolgten Zusammenbruch der deutschen Front zu unserm größten Erstaunen nicht, wie Mariannes Gatte, in Gefangenschaft geraten, sondern hatte ein günstiges Angebot nach Übersee erhalten, das ihm die sofortige Weiterführung seiner wissenschaftlichen Forschungen sicherte. Er schrieb, er werde uns vor seiner Abreise noch Lebewohl sagen.
So stand er denn eines Tages wieder vor mir mit seiner schmalen hochaufgeschossenen Gestalt. Das scharfgeschnittene Gesicht trug immer noch den etwas überlegenen, dabei leicht überanstrengten Ausdruck, der mich einst so sehr gereizt und beunruhigt hatte. Indessen er war nun mein Lebensretter geworden – ich selbst hätte nie den Mut gefunden, den Keller zu verlassen und mich auf die flammende Straße zu stürzen. Es gehörte sich natürlich, ihm das noch einmal zu sagen. Er lachte unbefangen: „Ja, Sie werden noch einmal meine große Nummer sein“, sagte er, „die einzige, die ich in dieser Richtung aufzuweisen habe.“
„Du tust ja geradezu, als wärst du sonst ein Menschenfresser“, scherzte Marianne, „und du bist doch sogar im Kriege nur im Laboratorium tätig gewesen.“
„Eben, das war ja gerade die Mördergrube“, erwiderte er etwas mysteriös, „aber lassen wir dies –“ Er sah sich interessiert in meiner Wohnung um: „Da ist ja noch der ganze alte Plüsch beisammen.“
„Findest du das nicht wohltuend nach der zerstörten Stadt?“ fragte Marianne.
„Ehrlich gestanden, die Ruinen haben auch ihr Gutes“, meinte er, da kommt doch frische Luft in viele alte Buden.“
„Buden?“ wiederholte Marianne mißbilligend, „sag mal, wie sprichst du eigentlich?“
Nun lachte er wieder – er war der älteren Generation gegenüber immer noch der etwas herausfordernde Mensch mit den jugendlich respektlosen Redensarten, aber ich war ihm gegenüber nicht mehr dieselbe! Kam es daher, daß ich meiner eigenen Zeit entrückt und dadurch ihm nähergerückt war? Ich fühlte seine Gegenwart irgendwie befreiend, so als müsse er mir, wie damals in der Bombennacht, auch heute aus dem Dunkel heraushelfen – mit einem Wort, ich witterte in ihm das neue Leben.
Marianne kam nun auf das Dokument zu sprechen und legte ihm nahe, uns beim Nacherzählen aus der Erinnerung zu unterstützen. „Ich bin so froh, daß du es noch in der letzten Nacht gelesen hast“, sagte sie, „da wirst du ja wissen, wie unendlich wichtig er ist.“
Er zeigte keine sonderliche Begeisterung: ja, gelesen habe er das Ding, aber besonders wichtig fände er es eigentlich nicht – heute hätte die Inquisition nicht mehr nötig, sich über dieses Meisters Lehre aufzuregen.
Marianne machte ihre großen Kinderaugen: „Wie meinst du das?“ fragte sie naiv.
„Ich meine, heute könnte unsere Wissenschaft dem Herrn Kardinal ganz einfach sagen: Belieben Eminenz, den Mittelpunkt des Weltalls selber zu bestimmen, wie es den Theologen konveniert – wir Wissenschaftler sind dazu nicht in der Lage.“
„Aber das ist doch ganz unmöglich“, rief Marianne entrüstet, „da hätten ja ganze Jahrhunderte umsonst gekämpft!“
„Sie haben zu ihrer Zeit schon recht gehabt“, meinte er einlenkend, „und sie haben uns ja auch einige Methoden hinterlassen, aber schließlich ist doch alles relativ –“
Sie schüttelte energisch den Kopf – natürlich glaubte sie kein Wort – wie sollte sie auch? Wir waren beide in der Ehrfurcht vor der unfehlbaren Wissenschaft erzogen worden. Sie wandte sich an mich: „Hilf mir doch“, rief sie ungeduldig, „das kann doch nicht sein, was dieser ungezogene Mensch da sagt, ich glaube, er nimmt uns nicht ernst.“
„Doch“, sagte ich, „es kann sein, Marianne, ich habe in der Bombennacht erfahren, daß alles, aber auch alles, was wir haben und sind, vergänglich ist.“
Nun war sie sichtlich betroffen. „Aber dann“, sagte sie zögernd, „dann wäre ja der ganze Prozeß des Meisters sinnlos gewesen und auch das Schicksal der armen Diana und ihres Freundes – dann hätte sich ja die Kirche bei ihrer Verurteilung ohne jeden Sinn so bitter ins Unrecht gesetzt –“
Aber nun geschah etwas völlig Unerwartetes. „Nein, verdammt noch mal, es hatte schon seinen Sinn, was die Kirche damals wollte“, fuhr der junge Doktor auf, „ich meine nicht diese Inquisitionsmethoden, ich meine die Vision des Kardinals – die war nämlich richtig! Dieser Mann hat die Menschen gekannt, der wußte schon vor dreihundert Jahren über uns Heutige genau Bescheid. Die Diana in dem Dokument konnte noch sagen: es gibt nur noch die ewigen Gesetze und den Menschen – heute gibt es weder ewige Gesetze noch den Menschen.“
„Aber wir glauben doch an das Gute, und wir sind doch Christen“, stammelte Marianne.
„So, sind wir das noch?“ fragte er, „das interessiert mich – merken tut man nämlich nichts davon, und ich dachte, das wäre auch durch diesen Bombenkrieg endgültig klargestellt. Indessen hier bei euch scheint es noch immer nicht zu langen. Aber wartet nur, Hiroshima wird bald überholt sein.“
Im Schlafgemach nebenan begann jetzt eines von Mariannes Kindern bitterlich zu weinen – sie ging hinüber, um zu sehen, was es gäbe. Der junge Doktor und ich waren einige Augenblicke allein.
Ich hatte begriffen, was er meinte, das Wort >Hiroshima< war wie ein Blitz vor mir niedergefahren. „Sie dürfen nicht helfen, diese furchtbare Entwicklung weiterzutreiben!“
Sein junges angestrengtes Gesicht zeigte den Ausdruck äußerster Bewußtheit. „Ich merke“, sagte er, „ Sie sind im Bilde, um was es drüben für mich geht, aber es ist zu spät und zwar nicht nur, weil ich mich bereits verpflichtet habe. Was würde es schließlich auch helfen, wenn ich hier bliebe – dann würden eben andere dem Ruf folgen. Soll ich meine Chancen ihnen überlassen? Die Entwicklung geht auf jeden Fall weiter, niemand ist mehr in der Lage, sie aufzuhalten.“
Er sagte das mit scheinbar unbekümmerter Sicherheit, aber sie täuschte mich nicht mehr. Sondern nun drehte sich plötzlich unser Verhältnis um: ich fühlte ihm gegenüber eine Überlegenheit, die mich selbst erschütterte, ich fühlte zum ersten Mal das außerordentliche, fast rührende Mißverhältnis seiner mangelnden menschlichen Lebensreife zu der fachwissenschaftlichen Höhe, die er ohne Zweifel besaß – ich fühlte seine Jugend jetzt wie einen Abruf – mein Gott, ich hätte ja den Jahren nach seine Mutter sein können! Und nun wäre es doch eigentlich an mir gewesen, ihm zu helfen, allein ich war ratlos.
„Aber wenn ihr doch in eurer Wissenschaft alles neu seht, kommt euch denn niemals der Gedanke, daß es auch einen Gott geben könnte?“ rief ich verzweifelt.
„Doch“, erwiderte er gelassen, „der Gedanke kommt uns tatsächlich – nach langer, langer Zeit kommt er uns wieder. Es ist nämlich etwas schwierig geworden, das Universum ohne einen Schöpfer zu erklären, aber er geht uns etwas schwer ein, wir sind zu lange ohne ihn ausgekommen – wir mußten es ja – siehe das verlorene Dokument! Über Gott werden Sie besser Bescheid wissen als ich.“
Ach nein, ich wußte im Grunde auch nicht über ihn Bescheid – Gott hatte keine große Rolle in meinem Leben gespielt, und ich hatte dies nicht einmal als einen Mangel empfunden. Denn natürlich war man zur Kirche gegangen, man hatte christlichen Vereinen angehört, und man hatte am Weihnachtsabend arme Leute beschert. Aber nun gehörte selbst dieses karge Gottesverhältnis auf die große Verlustliste jener Bombennacht. Ich suchte vergebens eine Antwort.
Inzwischen war Marianne wiedergekommen, und wir machten uns an die Aufzeichnung einiger Notizen über das verlorene Dokument.
Es war schon tief in der Nacht, als uns der junge Doktor endlich verließ. Marianne hatte ihn noch im Salon verabschiedet und war zu ihren Kindern gegangen, von denen schon wieder eins im Schlaf weinte. Indessen begleitete ich den Gast zu seinem Wagen. Wir gingen schweigend über den Hof. Die Sterne schienen auch heute in erhabenem Glanz wie einst über Diana und ihrem jungen Freund am Tor des Himmels – dort droben war die Spanne Zeit seither nur wie ein flüchtiger Augenblick, dort droben waren alle unsere Deutungen und Fehldeutungen nicht mehr als aufflammende und wieder erlöschende Meteore. Aber hier untern auf Erden gab es Versagen und Verhängnis. –
Er ließ jetzt den Motor anlaufen – in wenigen Minuten würde er fort sein – was sollte ich ihm als letztes Wort mitgeben? Er hatte mir das Leben gerettet, und jetzt ging er nach Übersee, um zu helfen Leben zu vernichten. Spiegelte sich nicht in ihm die zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit schwankende Welt – spiegelte sich nicht in mir deren ganze Hilflosigkeit?
„Sie sind so schweigsam – denken Sie noch immer über Gott nach?“ fragte er leichthin.
Ich mußte mich zu einem Wort entschließen: „Ich denke daran, wie sich Diana einst am Tor des Himmels fürchtete, weil Gott nicht mehr im All zu finden sei, und ich glaube, heute fürchten Sie sich davor, daß Sie ihn wiederfinden könnten.“
Er zögerte einen Augenblick mit der Antwort, dann wechselte er plötzlich den Ton – zum ersten Mal! War auch dieser Ton nur eine Art Vermummung gewesen? Die letzte Maske fiel – „Ja“, sagte er freimütig, „vielleicht ist es so: wir fürchten uns, denn wir stehen überall an den äußersten Grenzen, und wenn wir wieder zu Gott fänden, dann könnten wir ihn nicht mehr in unsere Kausalitätsgesetze einschließen – dann würde es ein Gott sein, der wirklich etwas zu sagen hätte. Aber einstweilen ist es noch nicht soweit, also nützen wir unsere Freiheit!“
Er schüttelte mir kameradschaftlich die Hand, dann sprang der Motor an und der Wagen rollte. – –
Ich blickte ihm nach, bis der letzte Laut verhallt war. Ja, Gott mußte wieder etwas zu sagen haben, auch bei mir. Wir standen im Grunde vor der gleichen Entscheidung. Wie würde sie ausfallen? |
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